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Lärchengold

Lang vor unserer Zeit – so erzählt man es sich unter uns Hirschlein –, da lebten auf dem Salten fröhliche Waldfeen, die sich die Laricinnen nannten. Sie lebten in göttlicher Symbiose mit den Lärchen: Jeden Frühling und Sommer bliesen sie mildwarme Regenwolken herbei, und daraufhin polierten sie die Sommersonnenstrahlen auf Hochglanz, damit die Lärchen von allen Naturgeschenken nur das Beste bekämen. Als Dank dafür verwandelten die Lärchen ihre filigranen Nadeln jeden September in purstes Gold und beschenkten die Laricinnen damit aufs Großzügigste. Doch die Laricinnen waren bescheiden und nahmen nur so viel Gold, wie sie benötigten, um den Schäfern ein wenig Wolle für den harten Winter abzukaufen, mit der sie ihre Baumhöhlen watteweich und winterwarm auspolsterten.

Als in einem reichen Jahr der Himmel wieder einmal in glasklarer Strahlekraft glänzte, probierten die Schlernhexen gerade ihre neuen Besen aus und waren förmlich geblendet vom Septembergold des Saltens. Just diesen Moment nutzte ein altes, gebrechliches Männlein vom Schlern, dem man nichts Gutes nachsagte, für seine Zwecke. Es rief den Schlernhexen nach, wie töricht sie doch seien, nichts von dem guten Gold des Saltens auf den Schlern zu bringen. Sie sollten doch geschwind hinüberfliegen und sich persönlich vom Reichtum des Saltens überzeugen – und als Beweis ein paar Unzen Gold mitbringen, die er persönlich auf Echtheit überprüfen würde. Das ließen sich die Schlernhexen nicht zwei Mal sagen. Mit flinken Schwüngen flogen sie in kürzester Zeit in das Jenesien, das es damals noch nicht gab, und statteten den Laricinnen einen Besuch ab. Auf die Anfrage der Schlernhexen hin, ob sie denn etwas von dem Gold haben dürften, antworteten diese, sie möchten sich ruhig bedienen, denn selber bräuchten sie nur ein paar Unzen, um über den Winter zu kommen.

Die Schlernhexen berichteten dem Alten von der Freundlichkeit der Laricinnen und händigten ihm das Gold aus. Das Männlein überprüfte das edle Metall auf seine Echtheit, den Schlernhexen gegenüber gab er aber an, dass es sich um wertloses Falschgold handelte. Als der Oktober kam und die Laricinnen sich in ihre Höhlen zurückzogen, lag so viel Gold unter den Lärchen des Saltens, dass ganz Südtirol unter dem Glanz funkelte. Der Alte schuf nun an, die Schlernhexen möchten ihm doch das Falschgold vom Salten herüberbringen, damit er sich, so arm wie er war, wenigstens einen Kessel daraus schmieden könnte, um sich einmal im Leben eine warme Suppe kochen zu können. Die Schlernhexen folgten seiner Aufforderung, denn das Männlein tat ihnen leid. In diesem Jahr, im nächsten Jahr und in den folgenden Jahren bogen sich ihre Besen unter der Last des Goldes vom Salten, wegen dem sie unzählige Male hin und her flogen. Das Männlein bedankte sich überschwänglich, und zur Täuschung zeigte es den Hexen einen winzigen Kessel, für den das vermeintlich falsche Gold eines Jahres gereicht hätte; und mit jedem Jahr schuf er sich einen etwas größeren Kessel an, der aber auch dann noch, selbst in den Augen der Schlernhexen, für die Zubereitung einer Suppe niemals ausreichen würde. Der Alte hatte sich freilich im Tal inzwischen Schlösser und Anwesen zugelegt und lebte in Saus und Braus. Die Lärchen vom Salten aber wurden immer knorriger und die Laricinnen hatten alle Hände voll zu tun, um ihnen mit Regen und Sonne ein halbwegs gutes Leben zu bescheren.

Der Alte jedoch wurde nicht satt von dem vielen Gold, er wollte mehr und mehr, bis er schließlich alles begehrte, was die Lärchen in einem Jahr an dem edlen Metall abwarfen. So befahl er den Schlernhexen, schon im September das Lärchengold zu holen, bevor das Laub der anderen Bäume einen Teil des Goldes unwiederbringlich zudecken würde und die Laricinnen ihren Teil gegen Wolle eingetauscht hätten. Die gutgläubigen Schlernhexen machten sich also eines Nachts auf den Weg hinüber auf den Salten und stahlen alles Gold.

Der Winter nahte, und die Laricinnen mussten bei den Wildtieren der Saltener Wälder um Unterschlupf ansuchen, was ihnen die Tiere gewährten. Dennoch, mehr schlecht als recht erging es ihnen ohne ihre gewohnte Behausung. So waren sie im Frühling zu sehr geschwächt, um die Lärchen mit wärmendem Regen und polierten Sonnenstrahlen zu beschenken. Nach langen Gesprächen mit ihren geliebten Bäumen beschlossen sie schweren Herzens, in den Süden zu ziehen. Die Lärchen wiesen sie aber noch an, fortan bis in den November zu grünen und erst dann eine täuschend echte goldene  Herbstfärbung anzunehmen. Denn über die Machenschaften des Männleins und die Einfalt der Schlernhexen wussten die Alchimistinnen längst Bescheid.

Als die Hexen im September wiederkamen, weil sich das Männlein wieder eine Ausrede einfallen hatte lassen, um an Gold zu gelangen, staunten sie über die grüne Pracht der Lärchen. Als die Schlernhexen mit leeren Händen zurückkehrten, glaubte das Männlein tatsächlich, es hätte sich im Datum geirrt. Es würde später im Jahr noch einmal kommen, meinte es dann, und die Hexen sollten in der Zwischenzeit das Lärchengold vom Salten herüberschaffen. Als die Schlernhexen im November auf den Salten zurückkehrten, fanden sie die leuchtend goldenen Lärchen vor, wie sie sie von früher kannten. Der Boden aber war zu ihrem großen Erstaunen übersät mit rostbraunen Nadeln. Als sie sich fragten, was dies wohl zu bedeuten hätte, gab eine kleine Windböe einen Spruch frei, den die Schlernhexen beherzigen sollten: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“ Die Schlernhexen sahen vom Boden, der mit rostigen Nadeln übersät war, auf zu den goldenen Nadeln auf den Lärchen und verstanden plötzlich, dass der Alte sie über all die Jahre aufs Korn genommen hatte. Die Lärchen aber ließen plötzlich ihre noch goldenen Nadeln auf die Schlernhexen zufliegen, sodass sie diese ganz leicht auf ihren Besen verstauen konnten. Die Hexen verstanden die Botschaft und brachten sie zu dem Männlein am Schlern, der sich gierig darüber freute. Als der Alte das Gold wieder teuer verkaufen wollte, zerfielen die Nadeln jäh zu Rost und er wurde als Betrüger verhaftet und auf Lebzeiten eingesperrt.

Jetzt kleidet sich der Salten wieder in sein herbstgoldenes Gewand. Die treuen Lärchen grünen bis tief in den Herbst hinein, und im Schein der späten Sonne spiegeln die feinen Nadeln voller Leuchtkraft die letzen Reste eines fast vergessenen Sommers. Vielleicht habt ihr euch schon öfter gefragt, warum ausgerechnet die knorrigen Lärchen, die in ihrer Gestalt so bescheiden wirken, sich mit einer derartigen luxuriösen Pracht umhüllen. Und warum sie dann, wenn der Boden den letzen Saft des vergangenen Jahres in sich aufgenommen hat, den Waldboden mit einer geschmeidigen, rostroten Decke sanft in den Winterschlaf wiegen.

Nun, jetzt wisst ihr es. Oder auch nicht, denn was man sich unter Hirschlein so erzählt, das muss nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen. Wichtig ist nur, dass es wie eine schöne Geschichte klingt, wie etwas zum Weitererzählen und Gernglaubenwollen.

„Absolout empfehlenswert!“

von Jacky, Holidaycheck

Hotel & Gasthof zum Hirschen

Familie Oberkofler
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